Artikel

Ausgewählte Beispiele

  • Kurzinformation Religion: Salafismus, in: Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst e.V. (REMID), 20. März 2017.
  • Special Correspondence: De-Radicalising Militant Salafists, in: Perspectives on Terrorism (ed.), Vol. 11, No 1 (02/2017).

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Zitierhinweis: Nina Käsehage, Artikel: Religion als politisches Werkzeug? – Wenn die Lösung das Problem ist, in: [http://www.salafismus-forschung.de/artikel], 16.02.2017.

Religion als politisches Werkzeug? – Wenn die Lösung das Problem ist

Neben der kindgerechten Vermittlung religiöser Inhalte nutzt die Diyanet ihre Comics für Kinder dazu, um die Religion als ein Instrument der Radikalisierung von Kindern und Jugendlichen einzusetzen.(1) Diese religiöse Radikalisierung wurde auch im Kontext der DITIB in Deutschland für einige Gemeindemitglieder im Rahmen der Feldforschung zur salafistischen Bewegung in Deutschland, die in den Jahren 2012 bis 2015 betrieben wurde, empirisch belegt.Die folgenden Ausführungen sollen die möglichen Ursachen dieser Politisierung der Religion skizziert rekonstruieren und prüfen, inwieweit diese Vorgehensweise die Ausbildung eines radikal-islamischen Klimas in manchen DITIB-Vereinen begünstigt. Darüber hinaus wird anhand eines Feldforschungsexempels aus der DITIB ein möglicher Radikalisierungs-Kausalzusammenhang zu rekonstruieren versucht und mit Beobachtungen des Verhaltens türkischer Grenzbeamter an der türkisch-syrischen Grenze kontextualisiert.

Der vorliegende Artikel ist keineswegs als ein Versuch der ‚Dämonisierung‘ oder Stereotypisierung der DITIB-Vereine in Deutschland zu verstehen. Vielmehr möchte er anhand der diesbezüglich vorliegenden Empirie eine mögliche Tendenz zu radikal-islamischem Gedankengut innerhalb einiger Teile des DITIB-Milieus aufzeigen, die sicherlich nicht von allen, jedoch von einigen Gemeindemitgliedern (in-)offiziell vertreten wird und weder im Sinne der Mehrheit der DITIB-Mitglieder in Deutschland, noch im Sinne der Gesamtgesellschaft sein sollte. Um einen ‚Gegentrend‘ hierzu einzuleiten, werden final einige Empfehlungen ausgesprochen.

Hintergründe zur Entstehungsgeschichte

Das ‚Präsidium für religiöse Angelegenheiten‘ (Diyanet Isleri Baksanligi, abgekürzt: DIYANET) wurde im Jahr 1924 u.a. mit dem Auftrag gegründet, islamische Glaubensgrundlagen weiterzugeben, religiöse Einrichtungen zu beaufsichtigen und für deren Personal-Status Sorge zu tragen. Die DITIB (Diyanet Isleri Türk Islam Birgligi ~ Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.) wurde im Jahr 1984 in Köln mit der Zielsetzung installiert, um die Bindung türkischer Staatsbürger, welche im Ausland leben, hinsichtlich  „religiöser und nationaler Werte zu stärken, den Missbrauch religiöser Gruppierungen zu verhindern und um diesbezüglich alle im Ausland stattfindenden Aktivitäten zu leiten.“ (2) Zwischen beiden Akteuren existieren zahlreiche personelle Interdependenzen, die dazu führten, das bspw. DITIB Beiratsmitglieder häufig zugleich im Verwaltungsausschuss der Diyanet-Stiftung waren und als Präsidenten der Diyanet fungierten sowie im Kontext der Konzeption für den islamischen Religionsunterricht in Kölner Schulen eine Zusammenarbeit der Diyanet, des türkischen Bildungsministeriums sowie des DITIB-Vereins erfolgte. (3)

Gewaltverherrlichende Comics

Im Frühjahr 2016 veröffentlichte die Diyanet einen Comic, in dem die Rolle des Märtyrers verherrlicht wurde und über die sich zunächst die türkische Zeitung Cumhuriyet und der österreichische Standard empörten. Es geht dabei inhaltlich um ein Gespräch des Vaters mit seinem Sohn bzw. der Mutter mit ihren Kindern, in dem der Vater bspw. Aussagen wie „Ich wünschte, ich könnte auch ein Märtyrer sein“ gegenüber seinem Sohn tätigt. Der Comic trägt die Überschrift: „Allahs Gnade über unsere Märtyrer – Mögen ihre Gräber voller Licht sein“ undsieht in Gänze wie folgt aus:

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Die Ambivalenz der Dialoge und Statements im Comic, die zum einen den Märtyrer in den Dienst des Militärs einreihen und als ‚ehrenhaft‘ umschreiben, anstatt darauf hinzuweisen, dass beim Militär Soldaten und keine Märtyrer ausgebildet werden, führt dazu, dass das traditionell säkular ausgerichtete, türkische Militär in die Nähe eines radikal-islamischen Gedankenguts gerückt wird. Zum anderen wird durch die Aussage der Mutter, die der Tochter, stellvertretend für alle gläubigen (weiblichen) Muslime, in vielsagender Manier ‚andere‘ Optionen neben dem Märtyrerdasein bzw. Märtyrertod als mögliche, gottgefällige Taten, in Aussicht stellt, das Motiv des Märtyrertodes bewusst facettenreich, deutungsabhängig und variabel darzustellen. Die Tatsache, dass keine deutliche Distanzierung von der Variante des Märtyrers als Selbstmordattentäters im Namen Gottes, welche radikal-islamische Gruppe praktizieren, als mögliche Deutung vom Comic angeführt wird, ist ein Hinweis darauf, dass die Herausgeber des Comics diese Deutungsmöglichkeit zumindest billigend in Kauf nehmen. Die aufgezählten Verknüpfungen zwischen der Diyanet und der DITIB lassen die Vermutung zu, dass die gewaltverherrlichenden Comics der Diyanet auch Eingang in die Hände der Kinder erhalten, die die Einrichtungen der DITIB in Anspruch nehmen. Hierdurch gelangen möglicherweise bereits Kinder mit gewaltverherrlichenden Aussagen in Kontakt, die sie nicht für die Schönheit des Lebens und dessen unbedingten Schutz begeistern sollen, sondern vielmehr den ‚Ehrerwerb‘ durch den Märtyrertod religiös legitimieren.

Empirische Untersuchungen im DITIB-Umfeld

Im Zuge der Feldforschung für die Dissertation über die salafistische Szene in Deutschland konnte die Verfasserin auch Interviews mit DITIB-Mitgliedern führen, die mit der salafistisch-dschihadistischen Szene kollaborierten und zum Teil auch andere Mitglieder dazu ‚verführten‘, sich der dschihadistischen Idee des Islamischen Staates (IS) in Syrien und dem Irak persönlich zu verschreiben.(6) Ein junger Mann, der seit seiner Kindheit im Umfeld eines regionalen DITIB-Vereins religiös und kulturell sozialisiert wurde, gelangte über ein ‚tonangebendes‘ DITIB-Mitglied, zu dem er persönlich aufschaute, in den Einflussbereich der deutschen salafistisch-dschihadistischen Szene, da sein männliches ‚Vorbild‘ bereits im Auftrag eines namhaften dschihadistischen Predigers neue Adepten für den Dschihad in Syrien im Umfeld der DITIB rekrutieren sollte. Er schildert seine Rekrutierung und die daraus erwachsene Faszination wie folgt:

„Mein Bruder war bei den ‚wahren Muslimen‘ [eig. Anm.: gemeint sind in diesem Fall die dschihadistischen Salafisten] und hat mir dann Videos und Filme über das Leid der umma in Syrien gezeigt.[…] Durch ihn habe ich erkannt, wie wichtig es ist, dass ich mich am Dschihad beteilige.“ (7)

Es wird anhand dieses Beispiels erkennbar, dass die Radikalisierung von jungen Männern auch in Abhängigkeit zu ihren (männlichen) Idolen erfolgen sowie der Wirkmacht vermeintlicher ‚Augenzeugen-Berichte‘ geschuldet sein kann. Ein weiterer Faktor für die Bereitschaft des jungen Mannes, sich überhaupt in seinem ‚vertrauten‘ (DITIB-)Umfeld von den Dschihad-Vorstellungen einer anderen religiösen Szene angesprochen zu fühlen, liegt in der Ablehnung der Vermengung von ‚Kultur‘ und ‚Religion‘, die der Respondent wie folgt darstellte:

„Bei DITIB gibt´s zu viel Kulturelles in der Religion, nich´ mehr nur Koran und Sunna, sondern andauernd türkische Politik, was nich´ in Allahs Sinne ist.“(8)

Dies bedeutet, dass die vermeintlich salafistische ‚Purifizierung‘ des Glaubens für den jungen Protagonisten eine bedeutende religiöse Grundlage darstellte, welche er eigenen Aussagen zufolge im DITIB-Verein vermisste, der sich zu sehr mit den Belangen der türkischen Politik sowie der Kultur beschäftige und somit der göttlichen ‚Botschaft‘ nicht die alleinige Aufmerksamkeit zugestehe.

Türkisch-syrische ‚Grenzerfahrungen‘

Darüber hinaus konnte im Zuge teilnehmender Beobachtung in den türkisch-syrischen Grenzstädten Urfa und Gaziantep im Jahr 2015 festgestellt werden, dass die türkischen Grenzbeamten keineswegs dazu beitrugen, dass IS-Sympathisanten nicht nach Syrien einreisen konnten, um sich dem künstlich geschaffenen Konstrukt des IS anzuschließen, sondern sich vielmehr folgende Szenarien abspielten: Wenn bspw. durch die schwarze Shahada-Flagge, die am Körper oder dem Kopf getragen wurde, gekennzeichnete junge Männer die Grenzstationen von der türkischen Seite in Richtung Syrien passieren wollten, konnten diese ohne Probleme sicher nach Syrien gelangen; zum Teil unter anfeuernden ‚Allahu Akbar‘-Ausrufen der türkischen Grenzbeamten. Darauf angesprochen, wurden die türkischen Grenzbeamten entweder aggressiv und verweigerten unter Gewaltandrohungen jede Aussage. Die redseligeren Vertreter unter den türkischen Grenzbeamten bestätigten ihre Sympathien für den IS und erläuterten bereitwillig ihre ‚Taktik‘ hinsichtlich der Vorgesetzten, um nicht als Dschihad-Befürworter ‚enttarnt‘ zu werden: Wenn sie bemerkten, dass die Vorgesetzten in der Nähe seien, feuerten sie in der Luft, damit es so wirke, als feuerten sie auf IS-Adepten, die an ihnen vorbei nach Syrien gestürmt seien. Die Peschmerga würden sie jedoch beim versuchten Grenzübertritt in jedem Fall ‚stellen‘ und ins Gefängnis werfen, da sie die ‚verhassten‘ Kurden unterstützten, derer man sich im Zuge des syrischen Bürgerkriegs doch sehr zu ‚entledigen‘ suche, erklärten die türkischen Grenzbeamten darüber hinaus. Die Inhalte dieser unfassbaren Berichte konnte die Verfasserin einige Tage selber in Augenschein nehmen, als sie aus sicherer Entfernung die Grenzübergänge betrachtete. Diese Beobachtung ist aufgrund der Einflussnahme der Türkei über die Diyanet auf die in Deutschland ansässigen DITIB-Vereine besorgniserregend, weil die Vermutung nahe liegt, dass es sich hierbei nicht um Einzelfälle willkürlich handelnder Grenzbeamter, sondern um eine zentral gesteuerte Haltung der Türkei handelt.

Empfehlungen

Auf der Basis der vorliegenden (empirischen) Erkenntnisse hinsichtlich der divergierenden Bereiche wird deutlich, dass die Durchdringung der DITIB-Vereine, sowohl unter dem Einfluss der Diyanet, als auch unter dem Einfluss der dschihadistisch-salafistischen Szene, der akuten Gefahr ausgesetzt ist, zahlreiche junge, männliche Mitglieder an ein gewaltverherrlichendes Ziel zu verlieren. Darüber hinaus ist es fraglich, ob einige Vorstände oder Imame, wie in den unterschiedlichen DITIB-Interviews mit der Verfasserin zum Teil erwähnt – nicht auch selber die dschihadistische Lesart des Islam insgeheim favorisieren und deshalb keine Einwände gegenüber der ‚schleichenden‘ Indoktrinierung ihrer Gemeindemitglieder mit deren Ideologie vorbringen. Es empfiehlt sich infolgedessen, in einer ‚Fall-zu-Fall‘-Betrachtung der einzelnen DITIB-Gemeinden und deren entscheidenden Protagonisten und Imamen zunächst zu klären, wo diese religiös bzw. ideologisch angesiedelt sind. Diese Einzelbetrachtung ist notwendig, um keine Verallgemeinerungen und Vorverurteilung hinsichtlich der DITIB-Vereine oder ihrer Mitglieder und hauptberuflichen Vertreter auszubilden. In einem weiteren Schritt sollte mit den Protagonisten, die am Wohl ihrer Mitglieder und nicht dessen baldigem Märtyrertod interessiert sind, ein gemeinsames Konzept erarbeitet werden, welche familiären Problemlagen und Zukunftsperspektiven die jungen Mitglieder aufwiesen und wie diese – neben dem religiösen und seelsorgerischen Auftrag des Imams – auch zivilgesellschaftlich auf konstruktive Art und Weise kanalisiert werden könnten. Gemeinsam kann ein Konzept der Prävention zwischen dem in Deutschland mittlerweile größten islamischen Verband und der Regierung dazu beitragen, dass die jungen Menschen nicht sinnlos ihr Leben vergeuden, in dem sie sich einer Fahrt ohne Wiederkehr in den Dschihad oder dem regionalbezogenen Postulat der Shari´a-Implementierung anschließen.

Darüber hinaus sollte die Rolle deutscher Sicherheitsbehörden in diesem Kausalzusammenhang von unabhängiger Stelle untersucht und transparent aufgearbeitet werden. Unabhängig ist eine Stelle oder ein Forscherkreis dann, wenn dessen Mitglieder weder ideell, noch finanziell in sicherheitsbehördlicher Abhängigkeit stehen. Erst dann und nur dann kann authentisch und glaubwürdig geklärt werden, warum und in welcher Weise Versäumnisse hinsichtlich der Ausreiseabsicht junger Männer, die häufig persönliche Bindungen zur DITIB aufwiesen, bevor sie sich dem Dschihad zuwandten, in Bezug auf die beschriebenen deutschen Behördenbereiche zu beklagen sind. Aussagen sicherheitsbehördlicher Protagonisten, die der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die ausgereisten jungen Männer in Syrien und dem Irak ihr Leben ließen und damit das ‚Problem‘ gelöst sei, sind nicht nur aufgrund ihrer Menschenfeindlichkeit inakzeptabel, sondern auch angesichts dessen Nicht-Eintritts und der möglichen Gefahr durch verrohte Rückkehrer, die es neben desillusionierten Personenkreisen ebenso geben kann, vollkommen lebensfremd. Sollte also ein tatsächliches Interesse an der Aufklärung jener Vorgänge bestehen und damit der aufrichtige Wunsch verbunden sein, aus den eigenen Fehlern zu lernen und diese infolge eines Haltungswechsels nicht mehr zu vollziehen, dürfte einer Aufklärung und Aufarbeitung der Ereignisse nichts mehr im Wege stehen, denn nur wie wir handeln, zeigt, wer wir wirklich sind.

  • Diyanet cocuk dergisi, Nisan 2016, Sai: 426, Ankara 2016, S. 4.
  • Zitat: Diyanet Isleri Baskanligi (Hrsg.), Kurulusundan Günümüze Diyanet Isleri Baskanligi: Tarihce-Teskilat-Hizmetve Faaliyetler (1924-1997) (Das Präsidium für religiöse Angelegenheiten seit seiner Gründung: Geschichte-Organisation-Dienstleistung und Aktivitäten [1924-1997], Ankara 1999, S.760.
  • Aysun Yasar (Hrsg.), Die DITIB zwischen der Türkei und Deutschland, Untersuchungen zur Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V., in: MISK (Mitteilungen zur Sozial- und Kultur-Geschichte der islamischen Welt), hrsg. von: Rahul Peter Das, Angelika Hartmann, Jens Peter Laut, Ulrich Rebstock, Tilman Seidensticker, Bd. 32, Würzburg 2012, S. 77; 66.
  • Diyanet cocuk dergisi, Nisan 2016, Sai: 426, Ankara 2016, S. 4.
  • vgl.:[http://www.kossawa.de/index.php/inland-ausland/412-tuerkische-maertyrererziehung], 01.09.2016.
  • Die im Folgenden geschilderten Inhalte berühren nicht die Inhalte, die in der Dissertation der Verfasserin behandelt werden.
  • Zitat: Interview-Transkription_Abu Can, S. 4. [Dieses Interview ist ein noch unveröffentlichtes Interview, das aus der Feldforschung der Verfasserin im salafistischen Milieu Deutschlands stammt. Der Name des Respondenten wurde anonymisiert.]
  • Zitat: Ebenda, S. 5f.

Bereits am 02.09.2016 übersandte die Verfasserin den vorliegenden Artikel zahlreichen, sich mit diesem Thema beschäftigenden, deutschen (Fach-)Zeitschriften sowie Zeitungen. Eine dortige Veröffentlichung erfolgte bislang nicht, weswegen der vorliegende Artikel aufgrund seiner zivilgesellschaftlichen Bedeutsamkeit für die deutsche Öffentlichkeit auf meiner Homepage zugänglich gemacht werden soll.

Am 05.09.2016 beendete das Präventions-Programm ‚Wegweiser‘ des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen die Kooperation mit DITIB, vgl.: [http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/nrw-beendet-kooperation-mit-tuerkisch-islamische-union-ditib-14421072.html], 05.09.2016.], 09.01.2017.