Berichterstattung

In der Ausgabe Nr. 25 des Magazins Der Spiegel vom 17.06.2017 ist über meine Forschung ein Bericht mit dem Titel „Die Magie der Zahlen“ erschienen, der mich und meine Forschung in einem falschen Licht dastehen lässt und dem ich mit der folgenden Stellungnahme  entgegenwirken möchte. Den Journalisten Frau Elger und Herrn Gude, Verfasser des Spiegelberichtes, wurde diese Stellungnahme bereits am 15.06.2017 und damit vor dem Redaktionsschluss des Spiegel-Magazins für die 25. Ausgabe übermittelt.

Zum besseren Verständnis der Sachlage führe ich zunächst die vier Fragen in kursiver Schrift auf, die mir am 14.06.2017, verbunden mit einer 24-stündigen Reaktionsfrist, vom Spiegel per E-Mail zugingen.

  1. Sie sagen über sich, dass Sie 35 Dschihadisten in nächtlichen Aktionen davon abhalten konnten, nach Syrien auszureisen. Dem Spiegel liegen Aussagen anderer Experten vor, die dies in Zweifel ziehen. Was sagen Sie dazu?
  2. Der Spiegel hat auch bei den Sicherheitsbehörden angefragt. Dort sind keine Gefährder bekannt, die durch ihr Einwirken von der Ausreise abgehalten wurden. Wie erklären Sie sich das?
  3. Gibt es Belege für die 35 Deradikalisierungen? Etwa Elternaussagen oder Aussagen von Aussteigern?
  4. Gibt es Transkriptionen Ihrer Interviews in den Originalsprachen, etwa Tschetschenisch?

 Stellungnahme

Ich bin Religionswissenschaftlerin. Wesentlicher Punkt meiner Tätigkeit ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Salafismus und mit den Menschen, welche sich dieser restriktiven Lesart des Islam persönlich zugewandt haben. Ehrenamtlich engagiere ich mich im Bereich Deradikalisierung und Prävention. Während meiner ehrenamtlichen Arbeit habe ich erkannt, dass im Dialog mit salafistischen AkteurInnen Gegenargumente aufgebaut werden können, welche dazu geeignet sein können, radikalisierte junge Menschen insbesondere von einer möglichen Gewaltaffinität- und -bereitschaft abzubringen.

Im Rahmen meiner Krisenprävention führte ich stets Gespräche mit Akteuren aus dem salafistisch-dschihadistischen Milieu, bei denen zu befürchten stand, sie könnten ins Ausland reisen und sich dort weiter radikalisieren. Der von Ihnen verwendete verfassungschutzrechtlich geprägte Begriff des Gefährders ist hingegen anders definiert. Gefährder sind im Zusammenhang mit der öffentlichen Sicherheit Personen bei denen kein konkreter Hinweis vorliegt, dass sie eine Straftat planen, aber bei denen „bestimmte Tatsachen die Annahme der Polizeibehörden rechtfertigen, dass sie Straftaten von erheblicher Bedeutung in Deutschland begehen.“ Infolgedessen sprechen wir offenkundig von zwei verschiedenen Personenkreisen.

Durch intensive Gespräche gelang es mir, radikalisierte Salafisten von einer Ausreise abzuhalten. Die Dschihadisten, die ich vor der Ausreise bewahren konnte, sind noch immer im salafistischen Milieu beheimatet, allerdings nicht mehr im gewaltbereiten, salafistisch-dschihadistischen, sondern in den gewaltablehnenden, puristischen und politischen Zweigen angesiedelt. Insofern kann man sie nicht als ‚Aussteiger‘ dieser Szene bezeichnen.

Die Krisenprävention hinsichtlich der insgesamt 38 Ausreisewilligen habe ich als Privatperson im Bereich meines ehrenamtlichen Engagements und nicht in der Funktion der Wissenschaftlerin betrieben. Infolge dessen habe ich im Gegensatz zu hauptberuflich tätigen De-RadikalisierungsberaterInnen keinerlei rückblickende Protokolle o.Ä. zu diesen Vorfällen geführt, da meine volle Konzentration der argumentativen Vereitelung der Ausreisebestrebung junger, fehlgeleiteter Menschen galt. Selbstverständlich halte ich die den betroffenen Personenkreisen zugesicherte Vertraulichkeit auch über diese Krisensituationen hinaus ein. Es dürfte demnach verständlich sein, dass ich Ihnen infolgedessen keine Namen der jeweiligen Personen benennen kann. Andernfalls wären der Schutz und das Leben sowohl meiner GesprächspartnerInnen, als auch der derer Familien betroffen. Zudem würde dieser Vertrauensmissbrauch dazu führen, das mühsam erworbene Vertrauen der InterviewpartnerInnen und Angehörigen zu verlieren. Ich habe Verständnis dafür, dass Sie gerne eine Enthüllungsgeschichte scheiben möchten. Die Sicherheit der Betroffenen und die Fortsetzung der Arbeit haben aber in dieser Angelegenheit höhere Priorität. Eine Veröffentlichung der Namen würde die Betroffen und deren Familien der Gefahr von Diskriminierungen und Gewalt aussetzen, denn nach wie vor befinden sich diese Menschen im salafistischen Milieu.

Gerne können Sie mir aber die Namen Ihrer Experten geben, damit ich mich mit deren Zweifeln, die mir bislang weder inhaltlich bekannt sind, noch übermittelt wurden, konkret auseinandersetzen kann. Auch dürfte es offenkundig sein, dass den Sicherheitsbehörden gerade nicht sämtliche „Gefährder“ bzw. „durch ihr Umfeld Gefährdete“ bekannt sind. Andernfalls ist es kaum nachvollziehbar, dass sich bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt zahlreiche Attentat(s-versuche) aus jenem Umfeld ereignen konnten.

Selbstverständlich gibt es Transkriptionen zu den von mir in Originalsprache geführten Interviews, die ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Religionswissenschaftlerin im Zuge meiner Feldforschung führte. Wie ich Ihnen bereits angeboten hatte, können Sie Einsicht in meine Transkriptionen der Originalinterviews nach meiner Promotion in einem universitätsnahen Archiv nehmen, hierin werden sich u.a. auch die tschetschenischen Transkriptionen befinden. Die vorherige öffentliche Zugänglichmachung der weiteren Unterlagen ist leider aus promotionsrechtlichen Gründen bekanntlich nicht möglich. Zum Schutz meiner InterviewpartnerInnen sind selbstverständlich auch hier alle Gespräche anonymisiert archiviert.

Ich möchte erneut betonen, dass die Erarbeitung und Entwicklung einer erfolgreichen Gesprächsführung und weniger der einzelne persönliche Erfolg wesentlich ist, denn eine der gesellschaftlich und wissenschaftlich interessanten Frage ist doch die, ob durch Gespräche außerhalb eines religiös-radikalisierten Milieus Radikalisierungen verhindert werden können und wie diese Gespräche inhaltlich gestaltet werden müssten. Deshalb stehe ich Ihnen zu der Systematik meiner Gesprächsführung gerne Rede und Antwort. Wissenschaftliche Antworten zu den verschiedenen Ausprägungen des Islams gebe ich Ihnen ebenfalls jederzeit gerne.

Zum Schutz meiner Gesprächspartner und in Beachtung des eigentlichen Ziels sowie unter Einhaltung des notwendigen Verschwiegenheitsgebots nehme ich Ihren latenten Vorwurf der Unglaubwürdigkeit in Kauf. Sollte ich jedoch den Eindruck gewinnen müssen, dass Sie dem derzeitigen Mainstream folgend meine Person oder meine Arbeit trotz der von mir geschilderten Notwendigkeit der Vertraulichkeit zu diskreditieren versuchen, werde ich durch presserechtliche Schritte dem entgegen zu treten haben.

In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, dass es bereits im Kontext der Berichterstattung über den NSU aufgrund einer offenkundig medialen Voreingenommenheit zu einer Fehlabbildung des tatsächlichen Sachverhalts durch zahlreiche Medienvertreter kam. Angesichts dessen scheint es mir nicht ratsam, sich im Hinblick auf einen Sachverhalt in einseitiger Art und Weise medial zu positionieren.

Ich weise zudem darauf hin, dass die Verwendung von Fotos von mir meiner vorherigen Autorisierung bedürfen und ich Ihnen die Verwendung oder Multiplikation der von Ihrem Fotografen am 08. Mai aufgenommenen Bilder von mir bereits am 15. Mai untersagt habe.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre

Nina Käsehage

 

Stellungnahme der Theologischen Fakultät der Universität Rostock:

https://www.theologie.uni-rostock.de/aktuelles/detailansicht-der-news/n/stellungnahme-der-theologischen-fakultaet-1/

 

Stellungnahme seitens der Abteilung Religionswissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen:

http://www.uni-goettingen.de/de/stellungnahme-aus-der-goettinger-religionswissenschaft-respiegel/566213.html

 

Stellungnahme der studentischen Fachgruppe Religionswissenschaft der Universität Göttingen

https://www.uni-goettingen.de/de/stellungnahme-der-studentischen-fachgruppe-re-spiegel-vs-kaesehage/566809.html

 

 

 

Ausgewählte Beispiele

Printmedien und Hörfunk

2017

  • „Nur eine Minderheit will einen bewaffneten Dschihad“ (Bericht, Göttinger Tageblatt vom 31. Mai 2017)
  • „Salafisten haben in NRW mehr Freiheiten“ Artikel, (RP-Online vom 12. Mai 2017)
  • „Salafismus-Forscherin: „Nicht alle Dschihadisten sind gleich“ (Interview, Deutsche Welle vom 24. April 2017)
  • „Rostocker Expertin tauchte in die Szene ein“ (Artikel, NNN vom 18. April 2017)
  • „Der Hotspot in Niedersachsen: Die salafistische Szene in Göttingen“ (Interview, Stadtradio Göttingen vom 05. April 2017)
  • „Wie die Welt der Salafisten aussieht“ (Interview, Mainpost vom 04. April 2017)
  • „Verherrlichung des Märtyrertods“ (Artikel, Göttinger Tageblatt, 16. Februar 2017)
  • „Zahl der Dschihadisten in Göttingen steigt an“ (Interview, Göttinger Tageblatt vom 09. Februar 2017)
  • BR 2 – Eins zu Eins. Der Talk (Live-Talk, 08.02.2017)
  • „Toleranz und Integration statt Separation“ (Bericht, Stuttgarter Nachrichten vom 28. Januar 2017)
  • „TV-Kritik „Maybrit Illner“ Vierzig Behörden waren an der Überwachung Amris beteiligt“ -> Käsehage  sagte den Satz des Abends: „Wir betonen die Differenz untereinander und nicht das Miteinander.“ (Artikel, Berliner Zeitung, January, 13, 2017)

2016

  • „Reise ohne Wiederkehr“ (Interview, Rotenburger Rundschau vom 10.12.2016)
  • „Null Toleranz für den Dschihad: Wie schützen wir unsere Kinder?“ (Live-Talk, WDR2 Arena vom 17.11.2016)
  • „Null Toleranz für den Dschihad: Wie schützen wir unsere Kinder?“ (Live-Talk, WDR2 Arena vom 17.11.2016)
  • Interview zu den dwr-Razzien mit Freddie Schürheck, 1LIVE vom 16.11.2016
  • Interview zu den dwr-Razzien mit Sümeyra Kaya, Funkhaus Europa vom 15.11.2016
  • „Salafismus-Forscherin: Froh über „Die wahre Religion“-Verbot (Interview, WDR2 vom 15.11.2016)
  • „Forscherin: Debatte über Islam und Terror dreht sich im Kreis“ (Bericht, CIBEDO vom 23. September 2016)
  • „Ein Drahtseilakt“ – Forscherin sieht Moscheevereine in der Pflicht gegen Salafismus  (Interview, Domradio vom 22. September 2016)
  • „Manche Moscheevereine fördern Radikalisierung“ (Interview, katholisch.de vom 22. September 2016)
  • „Eintauchen in die Welt der Salafisten“ (Im Gespräch, Deutschlandradio Kultur vom 21. September 2016)
  • „Salafistenprediger vor Gericht – Wer ist Sven Lau?“ (Interview, Deutschlandradio Kultur vom 06.09.2016)
  • „Sie spielen mit Menschen“  (Interview und Bericht, Deutschlandfunk vom 01. Juli 2016)
  • „Einen gemeinsamen Diskurs ermöglichen“ (Interview, Augusta vom 27. Juni 2016)
  • „Dem Salafismus auf der Spur – Die Göttinger Wissenschaftlerin Nina Käsehage erforscht die islamistische Szene – und musste auch gefährliche Situationen durchstehen“ (Interview, Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 21. Mai 2016)
  • „Menschen aufklären, nicht einsperren – Expertin Nina Käsehage über Jugendliche, die zu Dschihadisten werden“ (Bericht zum Vortrag im Kirchenkreis Norden, Ostfriesischer Kurier vom 19. Mai 2016)
  • „Besonnenheit statt Vorverurteilung“ (Bericht zum Vortrag über die Salafistische Szene in Deutschland und den IS im Apex, Göttinger Tageblatt, 25.02.2016)

2015

  • „IS wirbt gezielt Kämpfer in Europa – Ein „Handbuch“ gibt Tipps für Anschläge“ (Artikel, Braunschweiger Zeitung vom 27. Juni 2015)
  • „Terror – Mehr als 100 Tote in vier Ländern“ (Artikel, Braunschweiger Zeitung, 27. Juni 2015, Titelblatt)
  • „Es ist eine Tragödie für die Eltern – Wolfsburg ist Hochburg der IS-Kämpfer. Forscherin Nina Käsehage fordert mehr Präventionsarbeit“ (Interview, Wolfsburger Nachrichten, vom 25. April 2015)
  • „Immer mehr Frauen möchten zur Waffe greifen“ (Interview, Braunschweiger Zeitung vom 25. April 2015, die komplette Seite 2)
  • „Der IS rekrutiert gezielt Kämpfer in Europa – In der salafistischen Szene kusiert eine Anleitung für Terroraktionen“ (Braunschweiger Zeitung vom 25. April 2015, Titelseite)
  • „Forscherin: Islamischer Staat will gezielt Terrornetzwerk in Europa ausbauen“ (Artikel, Evangelisch.de, 25. April 2015)

Fernsehen

u.a.

ZDF (Maybrit Illner 11. Mai 2017

Zugang über Youtube

 

ZDF (Maybrit Illner – 12. Januar 2017)

 

DW (Prozessberichterstattung)

ORF (Im Zentrum):

06. Februar 2017

NDR (Aktuelle Stunde)

ORF (kultur Montag):

07. März 2017

Konflikt-Stoff: Wie umgehen mit Kopftuch-Verboten?

Zana Ramadani versus Nina Käsehage
Kein anderes Stück Stoff polarisiert so sehr wie das Kopftuch:

(c) ORF

Ein Verbot sei der Integration von Muslimen in die westliche Gesellschaft abträglich, sagt indes Nina Käsehage. Die Religionswissenschaftlerin hat sich intensiv mit der salafistischen Szene in Deutschland befasst.